Suche:


Meine Reden und Beiträge



Soldaten sind Mörder
Anlass:   Heldengedenken für Bundeswehrsoldaten
Ort:   Sozialistische Zeitung 4/2010


Das öffentliche Zelebrieren der Trauer über die gefallenen Soldaten dient der Sicherung der Heimatfront. Für uns sind die «Helden vom Hindukusch» nicht gefallen!

Mit dem vermehrten Sterben deutscher Soldaten im Afghanistankrieg kommt die deutsche Regierung zunehmend in Bedrängnis. Öffentlich gibt es großes Wehklagen und Bedauern. Unterstützt durch große Teile der Medien wird des genutzt, um immer unverhohlener für den Krieg zu trommeln und zum Durchhalten aufzufordern.

Im Angesicht des Todes hat deutsches Kriegsheldentum Konjunktur. Einsatzmedaillen werden postum verliehen, Gedenktafeln enthüllt, Trauer und gemeinsames Deutschsein im Tod zelebriert. Kanzlerin, Kriegsminister, Kirchenvertreter und Militärs beschwören, der Tod der Soldaten sei nicht umsonst gewesen, jetzt müsse der Auftrag erst recht durchgesetzt werden. Ihr Tod wird aktiv für die Kriegspropaganda in Szene gesetzt, damit sich die Stimmung gegen den Krieg nicht weiter ausbreitet. Nur um sich nicht eingestehen zu müssen, dass der Krieg in Afghanistan seit Jahren falsch ist.

Während deutsche Parlamentarier unter dem Beifall anderer Fraktionen des Parlaments verwiesen werden, wenn sie der afghanischen Opfer der Bundeswehr gedenken; während es der Bundestag und die Bundesregierung bis heute nicht fertiggebracht haben, sich bei den Opfern und Hinterbliebenen des Massakers von Kundus und anderer «Zwischenfälle» zu entschuldigen, ganz zu schweigen von einer öffentlichen Trauerfeier; während um die Entschädigung der Opfer monatelang gefeilscht wird, wird der Tod von drei Deutschen in einem Krieg, der bislang mehreren zehntausend Afghanen das Leben gekostet hat, als besonderes öffentliches Ereignis begangen.

Seit Jahren spricht sich zwar eine deutliche Mehrheit der Menschen in der Bundesrepublik gegen den Krieg in Afghanistan und die deutsche Beteiligung daran aus, aber deutsche Tote machen dann doch anders betroffen. Das propagandistisch erzeugte öffentliche Bild dieser Betroffenheit verkehrt die Realität der breiten Ablehnung des Krieges in ihr Gegenteil, indem es suggeriert: Das sind doch unsere Jungs! Sie fallen doch für uns! Sie verdienen unsere Anerkennung und Unterstützung. Doch für uns sind die «Helden vom Hindukusch» nicht gefallen!

Spätestens seit dem Massaker von Kundus ist bekannt: Auch Bundeswehrsoldaten sind Mörder! Selbst wenn die Bundesanwaltschaft mit juristischer Spitzfindigkeit die Untersuchungen gegen die verantwortlichen deutschen Kommandierenden, Oberst Klein, eingestellt hat, bleibt die Tatsache, dass diese Operation mindestens 142 Menschen das Leben gekostet hat. Aus einer Situation heraus wird über Leben und Tod anderer Menschen entschieden. Das ist in einem Krieg leider «normal», weshalb die Internationale der Kriegsgegner in ihrer Grundsatzerklärung formuliert hat: Krieg ist ein Verbrechen an der Menschheit.

Auch deutsche tote Soldaten haben Angehörige, Freunde und Verwandten, die um sie trauern. Solange sie dieses im familiären Kreis tun, ist dieses normal und gehört respektiert: In der privaten Trauer kann darüber hinweg gesehen werden, dass diese Toten als Soldaten den Tod fanden.

Werden sie aber zu Helden stilisiert und wird ihr Tod - auch durch die Angehörigen die so etwas zulassen - u.a. durch öffentliche Begräbnisse mit Fernseh-Liveübertragung zu einem Politikum gemacht und für Kriegspropaganda missbraucht, müssen sich die Angehörigen Anmerkungen, Vorwürfe und Fragen gefallen lassen.

Auch die jetzt betrauerten toten Bundeswehrsoldaten sind in dem Bewusstsein und mit der Bezahlung nach Afghanistan gegangen, dass sie getötet werden können, aber auch bereit sind, andere Menschen zu töten. Sicher, sie sind auch Opfer, wenn sie gezeichnet (tot oder lebendig) aus dem Krieg zurückkehren. Doch ich lasse nicht gelten, dass diese «Opfer» nicht wissen, was sie tun. Es ist, bei aller grundsätzlichen Kritik am System der Bundesrepublik, hierzulande die bewusste Entscheidung eines jeden Menschen, Soldat zu werden, die bewusste Entscheidung eines jeden Soldaten, in den Krieg zu ziehen. Mit dieser bewussten Entscheidung werden sie zu Tätern. Jeder deutsche Soldaten ist Teil der NATO-Besatzung Afghanistans und hilft, sie zu verlängern. Jeder deutsche Soldat ist als solches mitschuldig am Tod von Frauen, Kindern und anderen afghanischen Menschen. Wer dies bei der Trauer der toten Deutschen ausklammert, ist mindestens der Kriegspropaganda aufgesessen, wenn er sie nicht gar direkt unterstützt.

Ich bekenne offen und ohne Einschränkung: Für mich sind diese Soldaten nicht gefallen! Für mich braucht kein Soldat weiter ausgebildet zu werden oder in den Krieg zu gehen.

In Bezug auf meine Kinder (1, 9 und 11 Jahre alt) erinnere ich mich an Reinhard Mey und sein Bekenntnis gegenüber dem Militär in einem in die Jahre gekommenen Lied und kann es nur allen empfehlen. Eindringlich bekundet er da: «Nein, meine Söhne gebe ich nicht». Ich ergänze: Und meine Tochter bekommt ihr auch nicht!

Der Autor ist Bundessprecher der DFG-VK und Sprecher der Kooperation für den Frieden (www.montyschaedel.de/, www.dfg-vk.de/, www.koop-frieden.de/).

(Sozialistische Zeitung: www.sozonline.de)

(Reinhard Mey - www.youtube.com/watch?v=yEH7PzRN9yU&NR=1)

Monty Schädel am 26.04.2010